Hausbesetzercafes II Beispiel Kreutziger Str. 19

Deutsch - Deutsche Begegnungen im alternativen Friedrichshain der Wendezeit II

Wenn man sich mal die Landkarte anschaut, dann klebt die Ex-DDR klein und unscheinbar rechts oben am Rand der großen Bundesrepublik. Zahlenmäßig waren wir auch in den Hausbesetzerkneipen enorm im Nachteil. Die paar Ostdeutschen, die ich da traf, wirkten sehr verloren und verunsichert unter den Hausbesetzern, die fast alle aus den alten Bundesländern stammten und zu denen sie trotz großer Bereitschaft keinen rechten Draht fanden.

In den Kneipen hörte man die deutsche Sprache in noch niemals vernommenen Mundarten. Ich werde nie vergessen, wie niedlich es sich anhörte, als ein Mädchen mit melodischem Zungenschlag Konschtanz sagte. Die neuen Landsleute kamen aus Städten wie Landshut, Kaiserslautern, Baden-Baden, Worms oder Osnabrück, von denen ich bisher nur in Verbindung mit entführten Lufthansamaschinen, Fußballmannschaften, Romanen von Dostojewski und dem Niebelungenlied gehört hatte. Diese Orte waren vor der Wende für uns unerreichbarer als Hongkong oder Addis Abeba.

Wie gesagt, wir waren voller Interesse für die Bewohner aus dem alten Deutschland, das für uns das neue Deutschland war. Leider war das Interesse am gegenseitigen Kennenlernen meist nur einseitig. Die Besetzer wollten unter sich bleiben und man verhielt sich höflich aber kühl und meist ziemlich abweisend gegenüber den interessierten Einheimischen. Die meisten Personen in den Hausbesetzercafés, mit denen ich interessante Gespräche geführt habe, waren Ausländer oder ehemalige Ostdeutsche, die schon vor der Wende rüber gegangen waren. Trotz Sprachschwierigkeiten verstand man sich mit Russen, Holländern, Marokkanern und Brasilianern besser als mit den neuen Landsleuten.

Wahrscheinlich liegt das daran, dass wir 40 Jahre in einem völlig unterschiedlichen System aufgewachsen sind. Das was wir damals zu spüren bekommen haben, war wohl ein Identitätsverlust, der die meisten DDR- Bürger betraf. "Vertrauen wagen", der Leitspruch der kirchlichen Jugendbewegung in der DDR, war jedenfalls ganz und gar nicht der Leitspruch der Besetzer sondern eher "Vorurteile wagen".
Ein Ex- Hausbesetzer sagte Jahre später in einem Interview einmal selbstkritisch: "Wir bildeten die perfekte Parallelgesellschaft.".

Wie schon gesagt, viele Besetzerkneipen gibt es heute noch. Vor dem Supamolly sehe ich öfter noch viele Hausbesetzer aus den Wendejahren sitzen. Sie haben vor 27 Jahren ihre Kinder in den Armen gehalten und heute werden teilweise schon Enkelkinder vorhanden sein. Es kleben vor meinem Haus auch regelmäßig Plakate mit Konzertankündigungen im Supamolly. Auch in der Köpi in der Köpenicker Straße werden heftig Konzerte gemacht.
Leider muss ich abschließend bemerken, dass es trotz aller Bewunderung für die Hausbesetzer bei den meisten von uns nicht zu den erhofften freundschaftlichen Ost-Westverbindungen gekommen ist. Die Zeit damals war aber trotzdem eine wichtige Erfahrung, wenn auch nicht ohne Wermutstropfen.

Anmerkung: Der Liedtext auf dem Aufklappbild ist eine Strophe vom Rauchhaussong von Ton Steine Scherben.

von Tanja

Wegbeschreibung
Wenn man aus dem Bahnhof Ostkreuz Ausgang Sonntagsstraße heraustritt, wendet man sich nach rechts und geht die Neue Bahnhofstraße bis zur Kreuzung Boxhagener Straße runter. Man biegt links in die Boxhagener ein und geht auf der rechten Seite bis zur Ecke Kreuziger. Dort biegt man rechts ein und geht geradeaus. Das Ziel befindet sich in der Nr. 19 auf der rechten Seite.