Urbangardeningprojekt Laskerstraße

Ein bisschen Kuhle Wampe am Ostkreuz oder: Wer war der Kürbisdieb?

Der Berliner wusste sich in Krisenzeiten immer zu helfen, sowohl in der schlechten Zeit während der Weltwirtschaftskrise sowie nach dem zweiten Weltkrieg wurde fleissig auf Brachen gegärtnert, um das karge Mahl aufzubessern und die vielköpfige Familie sattzukriegen. Schon damals war Diebstahl der Ernteerträge für Leute mit kleinem Portemonnaie ein herber Verlust.
Der wichtigste Grund für die Gartenleidenschaft war aber wohl, dadurch eine Möglichkeit zu haben, aus dem Grau der Mietskasernen und aus der stickigen Fabrikluft auszubrechen und ein kleines Fleckchen Erde zu besitzen, wo man Zugang zur ursprünglichen Natur hat.
Das geht den alternativen Neugärtnern, die zwar nicht in stickigen Fabriken arbeiten, aber in einer staubigen, verkehrsreichen Stadt wohnen und viel Zeit vorm Computer verbringen müssen, nicht anders.

Hinter dem Multiprojekthaus Laskerstraße, das übrigens genau gegenüber der Zukunft am Ostkreuz liegt, von der wir hier auch schon berichteten, befindet sich ein Urbangardeningprojekt. Man geht durch die Pforte, über der auf einem geschwungenem Bogen E – Lok (womit der gleichnamige Jugendclub gemeint ist) steht und wendet sich in dem weitläufigen grünen Gelände nach rechts.
Nach ein paar Metern sieht man rechterhand schon den großen Garten, der nur von einem kniehohen Zaun umgeben ist.
Wenn man den Trick mit der Pforte kennt, kann man eintreten und sich erst mal auf die Bank an dem kleinen Teich setzen und die Goldfische und Seerosen anschauen, außer wenn mal wieder starker Algenbefall herrscht und das Relaxvergnügen durch einen starken Geruch getrübt wird.

Das Gartenprojekt gründet sich auf gegenseitiges Vertrauen zwischen den Mitgliedern und besonders auf Vertrauen zu der restlichen Bevölkerung in den benachbarten Mietskasernen, da der Zaun eher symbolisch ist. Von den vielen Tomaten, Zucchinis, Kohlrabis usw. fällt leider allerhand Dieben zum Opfer, so dass die fleißigen Gärtner manchmal doch auf Tiefkühlkost aus dem Supermarkt ausweichen müssen.
Ein junger Mann mit Rastalocken, den ich da kennenlernte, erzählte mir ganz traurig, dass über Nacht sein Kürbis von einem Komposthaufen, der sich neben dem Garten befindet geklaut wurde. Er hatte extra einen Zettel mit einer Info danebengehängt, aber es hat nichts geholfen. Der Kürbis war schon fest in seinem Speiseplan verankert. Ich glaube er hat ein bisschen die Idee, von der Arbeit seiner Hände zu leben und sich selbst zu versorgen, aber ich denke mal für die meisten Leute, die da mitmachen ist die Gartenarbeit Spaß.

Der Effekt, den Speisezettel mit Biogemüse zu bereichern oder sogar seine Lebenshaltungskosten einzuschränken ist zweitrangig, weil die Parzellen der einzelnen Mitglieder dafür einfach zu winzig sind, aber man kann erleben, wie aus einem Samenkorn eine Pflanze wird, die Früchte ansetzt und deren Samen trocknen und im nächsten Frühjahr wieder aussäen.
Besonders für Kinder, die in der Großstadt wenig mit der Natur in Berührung kommen, ist das wichtig. Leute, denen ein eigener Garten zu viele Kosten und Mühen verursacht, können sich einfach eine kleine Parzelle nehmen und die bearbeiten. Zwischen den einzelnen Parzellen gibt es keine Abgrenzung.

Falls jemand von Euch Interesse hat, die Teilnahme an diesem Projekt ist gar nicht mal so einfach. Es gibt ein Plenum, das entscheiden muss und man hat viele feste Regeln. Außerdem sind sehr viele Interessenten auf der Warteliste.

Eine Sache sollte man noch erwähnen. Wenn man so zwischen den Beeten umherspaziert, wuseln einem oft kleine, braune Tierchen zwischen den Füßen herum. Das sind Ratten, die von den umliegenden Baustellen aufgeschreckt worden sind. Zimperlich sollt man also als urbaner Gärtner nicht sein. Es könnte passieren, dass man eine Zucchini vom Boden aufheben will und etwas anderes in der Hand hat, das zappelt und beisst.
Es ist eben typisch Berlin: Ratten, diebische Nachbarn, mit Sauerstoff unterversorgte Teiche, aber auch wieder ganz aufregend und verrückt.

Noch ein Tipp: Wenn man schon mal in der Ecke ist, sollte man gleich mal die kleine Gaststätte im Projekthaus ausprobierten. Es gibt dort eine Köchin, die für ihre Saucen berühmt ist. Für 3 € kann man ein Mittagsmenü mit Salat, Vorsuppe, Hauptgericht und Dessert bekommen. Ich habe dort sogar mal flambiertes Dessert gegessen. Alles ist in hoher Qualität. Im Sommer kann man auch im Garten sitzen. Das Restaurant und auch das grüne Gelände rund um das Projekthaus ist frei zugänglich für jedermann.

PS: Mit Kuhle Wampe meine ich den Berliner Arbeiterfilm aus der Zeit der Weltwirtschaftkrise von dem Regisseur Slatan Dudov über die Gartenkolonie Kuhle Wampe.

von Tanja
Ich wurde 1962 in einem kleinen Dorf in MeckPom geboren und kam mit 19 nach Berlin. Hier übte ich verschiedene Tätigkeiten aus. Zuletzt war ich als Sekretärin tätig.

Wegbeschreibung
Verlasse den Bahnhof Ostkreuz in der anderen Richtung also nicht zur Sonntagstr. hin. Gehe den Margrafendamm rechts hoch und biege rechts in die Laskerstraße ein. Durchquere den Garten beim Projekthaus bis zum Ende. Dort befindet sich das Gartenprojekt.