Trödelmarkt am Marheinekeplatz

Auf der Jagd

Wir müssen heutzutage keine Mammuts mehr jagen, oder Beeren und Feuerholz sammeln. Aber der Trieb dazu ist noch vorhanden; das spüre ich vor allem, wenn ich auf den Trödelmarkt gehe. Schon am ersten Tisch erwacht leise der Jagdinstinkt in mir und ich habe vor, Beute zu machen.
Gewiss, man findet nicht immer das, was man sucht, aber manchmal finden Dinge zu mir, von denen ich gar nicht dachte, dass ich sie brauche. Zum Beispiel ein Roll-Keyboard mit Midi-Anschluss für sechs Euro, welches verpackt in einer Damen-Handtasche Platz findet – theoretisch zumindest -, aber immerhin, Keyboard schleppen war irgendwie gestern.
Und dann, einmal, fand ich etwas, wonach ich schon länger suchte: Eine Spätzlepresse aus Aluminiumguss, stabil und alt und nicht eines dieser zarten Dinger aus dem Kaufhaus, die nach dreimaliger Benutzung kaputt gehen. Dort stand sie in einem Eimer inmitten anderer Küchenhelfer-Kollegen und wartete auf mich. Der Verkäufer wollte nur einen Euro dafür haben. Bei dem Preis ist Feilschen natürlich unwürdig und so ging ich wohl mit Beute, aber kampflos nach Hause.
Das schont zwar den Geldbeutel, doch für eine spannende Geschichte am Lagerfeuer reicht es nicht ganz.

von Karl Klar
Karl Klar (geboren in Ostwestfalen) macht Gemälde, Zeichnungen und Medienkunst.
Auf der Suche nach neuen Methoden zur "Lektüre der Stadt" konzentriert er sich auf die Idee des "öffentlichen Raums" und genauer auf Räume, in denen jeder irgendetwas zu einem bestimmten Zeitpunkt tun kann: der nicht-private Raum, der immer dann privat wird, wenn er als Lieblingsort erkoren wird. Karl Klar lebt und arbeitet derzeit in Berlin-Kreuzberg.

Wegbeschreibung
U7 Gneisenaustraße
Die Zossener Str. Richtung Süden gehen bis zur Bergmannstr. und dann links bis zur Schleiermacherstr. - ca. 15 min.