Fraenkelufer am Urban-Krankenhaus

Der graue Riese

Zu jeder Jahreszeit sitze ich oft am Fraenkelufer, gegenüber vom Urban-Krankenhaus.
Ich finde, das Gebäude zieht den Blick magisch an sich, egal an welcher Stelle ich bin. Es geht auch nicht anders, denn es ist das einzig dominante Objekt weithin.
Die Sonne scheint hier den ganzen Tag und so sehr sie auch überall die Farben zum Leuchten bringt, muss sie doch bei der grauen Fassade dieses Betonbaues kapitulieren.
Und dennoch – man kann sagen, Grau ist keine Farbe, doch das stimmt nicht ganz: Wenn man die drei Grundfarben zu gleichen Teilen mischt, erhält man ein ziemlich neutrales Grau. Der Maler nennt dies Neutraltinte.
Und ich finde, dieses neutrale Beton-Grau ist doch ein Ruhepol für das Farbenfluten, neutral gegenüber dem Blau des Himmels, welches sich in einem dunklen satten Ton im Wasser widerspiegelt, und dem Grün der Bäume entlang des Ufers, auf dessen Kante ich sitze und die Beine baumeln lasse.
In den Trauerweiden leuchten hier und da noch gelbe Blätter, bis eine stille Brise diese letzten Spätzünder auf das rote Kajütboot wehen, welches da vorn festgemacht hat.
Weisse Wolken, Schwäne und Möwen.
Ein buntes Treiben drumherum, aber das Krankenhaus steht fest und sicher.
Wie ein Fels.
Eine ganze Zeit lang dachte ich, man müsste das Gebäude doch mal anstreichen – wenigstens dezent. Ich habe es dann schliesslich selbst gemalt – auf Leinwand.
Hab sozusagen das Grau entmischt und das Bild in den Grundfarben gemalt.
Aber mehr und mehr kam ich zu der Überzeugung, dass das Krankenhaus schon so sein sollte, wie es da steht.
Man muss wohl ab und zu auf etwas Graues schauen, als Kontrast zur farbigen Schönheit der Natur.
Und so sitze ich hier am Uferrand und lass die Beine und die Seele baumeln.
Immer wieder gern.

von Karl Klar
Karl Klar (geboren in Ostwestfalen) macht Gemälde, Zeichnungen und Medienkunst.
Auf der Suche nach neuen Methoden zur "Lektüre der Stadt" konzentriert er sich auf die Idee des "öffentlichen Raums" und genauer auf Räume, in denen jeder irgendetwas zu einem bestimmten Zeitpunkt tun kann: der nicht-private Raum, der immer dann privat wird, wenn er als Lieblingsort erkoren wird. Karl Klar lebt und arbeitet derzeit in Berlin-Kreuzberg.

Wegbeschreibung
U1 Prinzenstraße Die Prinzenstraße Richtung Süden bis zum Kanal und dann links - etwa 10 min. Fußweg
oder:
Bus M41 Haltestelle Baerwaldstr. Richtung Norden bis zum Kanal und dann rechts - etwa 10 min. Fussweg