Treppchen am Fraenkelufer

Zwei Welten

Wenn man vom Fraenkelufer ein Stück weiter westwärts geht, dort, wo das Ufer weiterführt, über die Prinzenstraße hinweg, und direkt hinter der Brücke links die Böschung runterkommt, sieht man ein kleines Treppchen – für Bootsanleger gedacht.
Dort sitze ich direkt unten am Landwehrkanal.
Während oben der Verkehr über die Straße rollt, ist hier fünf Meter tiefer die Hektik wunderbarerweise vergessen und man ist allein mit dem Fluss.
Na ja, ganz still ist es dort nicht gerade, zumal ein paar Meter hinter den Büschen das Prinzenbad liegt, welches im Sommer naturgemäß seine eigene, zuweilen recht aufdringliche Geräuschkulisse erzeugt.
Doch nach ein paar Minuten am ruhig dahinplätschernden Flüsschen, treten all diese Geräusche in ihrer Bedeutung zurück und etwas anderes tritt an ihre Stelle – der ruhige Fluss der Gedanken.
Fließendes Wasser hat etwas ungemein beruhigendes. Das ist an jedem Wasser so, doch was dieses Plätzchen so besonders für mich macht, ist, wenn ich meine Gedanken dem Fluss übergeben habe und aufstehe, ist sofort der Lärm wieder da.
Gewiss, er war die ganze Zeit über da – die Autos fahren ja stetig über die Brücke und die Badegäste planschen und jauchzen den ganzen Tag. Doch es wird einem bewusst – innere Ruhe ist stärker als die äusseren Geräusche.
Oben die Stadt und unten der Fluss – selten liegen zwei verschiedene Welten so nah beieinander.

von Karl Klar
Karl Klar (geboren in Ostwestfalen) macht Gemälde, Zeichnungen und Medienkunst.
Auf der Suche nach neuen Methoden zur "Lektüre der Stadt" konzentriert er sich auf die Idee des "öffentlichen Raums" und genauer auf Räume, in denen jeder irgendetwas zu einem bestimmten Zeitpunkt tun kann: der nicht-private Raum, der immer dann privat wird, wenn er als Lieblingsort erkoren wird. Karl Klar lebt und arbeitet derzeit in Berlin-Kreuzberg.

Wegbeschreibung
U1 Prinzenstraße
Die Prinzenstraße Richtung Süden bis zum Kanal und dann rechts - etwa 10 min. Fußweg