Hausbesetzercafes Teil III, Der Eisenbahner in der Pfarrstraße

Das Konzert, das nie anfing

Auf einem kleinen Zettelchen an einem Stromkasten las ich, dass in einer Location namens Eisenbahner in der Pfarrstraße ein Metalkonzert stattfinden sollte. Es war kurz vor Weihnachten 1991.
Auf dem Stadtplan suchte ich mir die Pfarrstraße raus, und siehe der Eisenbahner war ganz in der Nähe in einem besetzen Haus. Es kostete nur fünf DM Eintritt. Das Publikum war in dieser bitterkalten Dezembernacht natürlich überschaubar. Außer der Band waren noch ein paar Leute aus dem Haus und ein paar Studenten da. Die Band, die übrigens Death Metal spielte, war mit ihrem klapprigen Van auf vereisten Straßen aus dem tiefsten Westdeutschland angereist.
Man spielte einen Titel, der ganz vielversprechend klang und pausierte dann, um auf weiteres Publikum zu warten. Nach einer halben Stunde das gleiche Spiel. Wir standen alle um einen kleinen Kanonenofen herum und wärmten uns die Hände, ein Effekt, der durch die kühlschrankkalten Bierflaschen wieder zunichte gemacht wurde.
Nach zwei Stunden begann ich langsam zu resignieren. Es waren zwar schon ein paar mehr Zuschauer eingetroffen, aber der Band reichte das immer noch nicht. Ich wollte den Jungs zurufen: „Mensch Kinder spielt“.
Aus Biografien weiß ich, dass meine Lieblingsband die Rolling Stones ihre ersten Konzerte auch nur vor 10, 12 Leuten gemacht hatten für ein paar Freibier, und wo sind sie heute. Wenn man aber gar nicht erst anfängt. Nach 3 Stunden Warten begriff ich, dass die Band tatsächlich die Arbeit verweigerte und ging sauer nach Hause.

Ich bin dann im Sommer 1992 und auch noch 1993 oft mit meiner Freundin dort gewesen. Wir saßen die ganze Nacht unter der Kastanie vor dem Eisenbahner und unterhielten uns mit den Bewohnern.
Es war ein bißchen wie am Ende der Welt, ein ausgestorbenes Fleckchen Erde, wo nachts kaum Autos fuhren, ein idyllischer Ort wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten. Nebenan war gleich die Bahntrasse. Unweit vom Eisenbahner gab es noch ein kleines, altes Gaswerk, vom Baustil so ähnlich wie die abgerissenen Gaswerke im jetzigen Thälmannpark im Prenzlauer Berg. Eine Gruppe junger Leute aus der Gegend war auch oft da. Im tristen Lichtenberg der Nachwendezeit war ja sonst nicht viel los.
Im Eisenbahner hielten sich meist immer die selben Leute auf, viele Hausbesetzer aus der Pfarrstraße haben ihn wohl nie betreten. Ich habe dort sogar meinen 30 zigsten Geburtstag mit zwei Flaschen Whiskey (eine Johnny Walker Red Label von mir und ein Kumpel aus Lichtenberg hat noch eine Black Label beigesteuert) gefeiert.
Heute gibt es keinen Eisenbahner mehr, und die Kastanie, vor der einst die Feuerpfanne stand, ist auch abholzt. Der nette Opa von gegenüber ist leider schon verstorben.
Die Räumung lief übrigens friedlich ab. Ich glaube es war im Sommer1997. Man hatte sich wohl vorher geeinigt. Einige Hausbesetzer scheinen Wohnungen in einem Haus mehr nach vorne zum Markgrafendamm hin bekommen zu haben. Dort sieht man noch alternative Leute rein und raus laufen.

Das ist jetzt alles schon 25, 26 Jahre her. Die Verbindungen sind schon lange alle völlig abgerissen. Die freundschaftlichen Beziehungen waren wohl zu oberflächlich. Letztens kuckte mich hier in der Boxhagener Straße eine Frau ganz verblüfft so an, als ob sie mich von früher kannte. Ich bin mir fast sicher, dass das jemand aus der Stammbesatzung vom Eisenbahner gewesen ist, bloß damals war sie ja fast noch ein Mädchen und hat jetzt schon erwachsene Kinder.

Viele Grüße an Andy, Britta, Anna, Olaf, Uwe, Philipp, Kevin, Fröhlich, Michel, Beppo

von Tanja

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