Sommerwiese im Volkspark Friedrichshain

Mit Fleisch- und Fußballverweigerern auf einer Wiese im Friedrichshain oder La próxima vez que ganemos

Es war Freitag der 9. Juni 2006 um 18 Uhr bei schönstem Sommerwetter. Ganz Friedrichhain und Prenzlauer Berg wirkten wie ausgestorben. Es fuhren keine Autos, und es liefen kaum Menschen auf den Straßen. Es war der Zeitpunkt des ersten Deutschlandspiels bei der WM 2006. Mein Freund hatte es mal wieder zu Hause nicht ausgehalten, und ich musste mit ihm auf einer Wiese im Stadtpark Friedrichshain sitzen.
Ein versprengtes Trüppchen Fußballverweigerer saß im Gras und hatte die Grillroste angeworfen. Ab und zu wurden in weiter Entfernung Raketen abgeschossen, und ich schlußfolgerte daraus, dass Deutschland auf einem guten Weg war. Tatsächlich hatte uns Schweini mal wieder rausgehauen. Wir gewannen gegen Costa Rica 4 : 2. Schweinsteiger und Podolski waren ja das Dreamteam der WM 2006.

Ein niedliches kleines Mädchen so 5 bis 6 Jahre alt, wollte ihren Mitmenschen etwas Gutes tun und bot den anderen auf der Wiese auf einem Teller die restlichen Fleischstücke, die vom Grillen übrig geblieben waren, an. Niemand wollte ihr etwas abnehmen, man lebte wohl vegetarisch. So kuckte sie schon ganz traurig. Das konnte ich natürlich nicht mit ansehen und nahm ihr ein großes, saftiges Stück gegrillte Hühnerbrust ab. Obwohl ich keinen Hunger gehabt habe, muss ich doch sagen, das war das beste Stück Huhn, das ich je gegessen habe. Mein Freund war übrigens leider auch Vegetarier.
Auf dem Rückweg herrschte in ganz Berlin eine sehr gute, entspannte Stimmung.

Nachdem Spiel Spanien gegen Polen 4 : 0 einige Tage später gratulierte der Vietnamese im Lebensmitteldiscounter an der Karl Marx Allee meinem Freund und erwartete wohl, dass Carlos vor Freude total aus dem Häuschen wäre. Aber er hatte kein Vertrauen in seine Landsleute und wirklich kurz danach flog Spanien raus.
Nachdem mir als guter Freundin klar wurde, dass hier jemand seine Fußballleidenschaft verleugnet, saßen wir ab da immer vor den Cafes hier am Ostkreuz und schauten uns alle Deutschlandspiele an, Spanien war ja nicht mehr dabei. Besonders in Erinnerung ist mir noch das Spiel gegen Argentinien geblieben, dass durch ein extrem spannendes Elfmeterfinale entschieden wurde. Ich glaube Michael Ballack schoß den entscheidenden Elfmeter, und wir waren im Halbfinale. Er war übrigens der Lieblingsfußballer von meinem Freund, der ja Spanier ist. Wir sahen das Spiel mit vielen anderen vor einem Cafe in der Neuen Bahnhofstraße, in der Nähe vom Bahnhof Ostkreuz. Es herrschte eine freundschaftliche Atmosphäre. Es war übrigens die WM wo Oli Kahn nicht mitspielen durfte und Jürgen Klinsmann der Trainer war.

Ich möchte noch das geniale Reporterduo (jeder der 2006 vor dem Fernseher dabei war, weiß wen ich meine) erwähnen, wobei ich nie verstehen konnte, warum sie sich nicht vor der Kamera prügelten. Der mürrische von den beiden ist wohl früher selber einmal ein berühmter Fußballspieler gewesen, lange vor der Wiedervereinigung. Man sah sich die beiden an und staunte nur mit offenem Munde. Es handelte sich übrigens um Günter Netzer und Gerhard Delling.

Ach ja, ich habe seitdem die Gewohnheit angenommen bei Fußballwelt- und Europameisterschaften die meisten Spiele zu sehen, wobei ich früher Fußball nicht mal mit der Kneifzange angefasst hätte.


PS Dieses Jahr bei der Weltmeisterschaft 2018 ist ja leider alles weniger gut gelaufen.

Laßt den Mut nicht sinken. La próxima vez que ganemos. Davon bin ich überzeugt.

von Tanja

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