Gegend zwischen Rummelsburger See und Ostkreuz morgens zwischen halb eins und um drei

Special Laue Julinacht mitten in der Woche und David Bowie ist auch dabei – Englischkenntnisse sollten vorhanden sein (Scherz)

In diesem Beitrag ist der Text gar nicht so wichtig, es geht eher darum durch die Fotos eine bestimmte Stimmung zu erzeugen.
Beim Anblick der menschenleeren Straßen und unheimlichen Unterführungen zu später Stunde, würde es niemanden verwundern, wenn Christopher Lee als Graf Dracula durch die Gegend hier am Ostkreuz geistern würde.

Nachdem Karl seinen Gräfekiez so in die Höhe gehoben hat, möchte ich auch nicht zurückstehen und für unsere Gegend rund um den Bahnhof Ostkreuz eine Lanze brechen und zwar gehe ich die ganze Angelegenheit „In der Hitze der Nacht“ an (ist übrigens eine Anspielung auf den gleichnamigen Film mit Sidney Poitier).
Warum in der Nacht könnte man sich fragen, schlicht und einfach deshalb weil dann nicht so viele Menschen unterwegs sind. Die paar schwarzen Schatten auf den Fotos werden mich nicht wegen Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte verklagen.
Als Ausrüstung habe ich eine Kamera von aldi dabei, die nur bedingt für Nachtaufnahmen geeignet ist. Der gute Wille jedoch zählt. Um ihre 800 € Kamera möchte ich Karola auch nicht bitten, nachher lasse ich die noch fallen.
Da das Ostkreuz genau die Scheide zwischen Friedrichshain und Lichtenberg bildet, bleibt mir nichts anderes übrig, als die Bezirksgrenze etwas zu überschreiten.


Fotos 1.1 bis 1.7
Ich beginne in Lichtenberg am Rummelsburger See, ungefähr auf der gegenüberliegenden Seite vom Palmkernölspeicher. Man muss dazu sagen, dass der Rummelburger See für uns Ostkreuzler den Lichtblick im Verkehrsgetümmel hier darstellt. Man vermutet nur ein paar Gehminuten vom S-Bahnhof entfernt nicht so eine Oase.

Letztes Jahr kam ich mal dazu, wie ein paar niedliche Jungen und Mädchen aus aller Herren Länder dort nachts eine wilde Technoparty veranstalteten. Man verabredet sich wohl über What´s app. Überall standen Glasbehälter mit Teelichtern und die Musik war gar nicht so laut und die Stimmung total romantisch. Leider kamen trotzdem bald Leute vom Ordnungsamt und das war´s dann gewesen mit der Party. Süßer Vogel Jugend (ist übrigens ein Bühnenstück von Tenessee Wiliams, das auch verfilmt worden ist) denkt man wehmütig, wenn man einiges älter ist.

Momentan auf meiner Bank am Rummelsburger Ufer spielt mir mein MP3 Player Buffalo Springfield ins Ohr. Die Aufnahme ist übrigens von 1967. Nicht umsonst bezeichnete mich ein Kumpel mal scherzhaft als ewig Gestrige. Von links dringt techno zu mir und von rechts HipHop zusammen mit Haschischschwaden. Ich frage mich, ob sich für diese Bands in 50 Jahren auch noch einer interessieren wird.
Überhaupt ist der Zeitfaktor bei Musik wohl entscheidend. Die Matthäuspassion von Bach ist von 1727 und klingt überhaupt nicht veraltet. Sie befindet sich übrigens auch auf meinem MP3 Player, und ich höre sie hoch und runter. Ich würde mal sagen, Bach, der ja noch nicht mal die Schallplatte kannte, hat alles richtig gemacht, wenn seine Musik 300 Jahre später noch als MP3 Datei, die auf Micro SD Card gespeichert ist, gehört wird. Er wüßte gar nicht, was das ist.

Foto 1.8
Mit Expecting to fly von Buffalo Springfield radle ich das Seeufer lang.
Neil Young singt: „I tried so hard to stand As I stumbled an fall to the ground“ und ich biege rechts den Weg ein, der zum Ausgang Hauptstraße führt.

Fotos 2.1 bis 2.2 und 3.1 und 3.2 und 4 und 5
Mit der Liedzeile im Ohr „the lights turned on and the curtain fell down“ aus dem Song „Broken arrows“ (soll wohl gebrochene Pfeile heißen) fahre ich durch den S-Bahntunnel Karlshorster Straße / Ecke Nöldnerstraße. Um diese Geisterstunde ist dort alles ziemlich ausgestorben, so dass man die Gegend für sich allein hat.
Nach der Kurve wird die Karlshorster zur Marktstraße, die wiederum hinter dem S-Bahntunnel zur Boxhagener wird.

In dem Sparkassengeldautomaten hat übrigens den Winter über ein sehr netter Pole gewohnt, der sich immer freundlich für Geld- oder Lebensmittelspenden bedankt hat.

Fotos Nr. 6
Jedesmal wenn ich durch die S-Bahnunterführung an der Boxhagener Straße gehe, muss ich an den Film Cabaret von Bob Fosse denken und zwar an die Stelle wo Lisa Minnelli und Michael York unter einer Brückenunterführung stehen und aus Übermut lauthals schreien wenn ein Zug rüberfährt. Aber ich weiß ja, der Film wurde im Westberlin der 70ziger gedreht und nicht am Ostkreuz.

Man sollte auch nicht unerwähnt lassen, dass die Strecke Boxhagener, Marktstraße, Karlshorsterstraße, Hauptstraße ein Unfallschwerpunkt ersten Grades ist. Als Fahrradfahrer ist man ja immer unmittelbarer dabei. Ich musste sogar schon als Unfallzeugin aussagen. Hinter der S-Bahnunterführung Boxhagener Straße auf der Marktstraße gibt es in Richtung Lichtenberg links eine Ampel, die gefühlt alle paar Tage flachliegt. Die Ampel wird immer wieder aufgerichtet, aber was ist mit den Autofahrern.

Fotos Nr. 7 und Nr. 8
Die Pizza auf dem Foto nennt sich übrigens Pizza Santana, aber ich glaube die beiden türkischen Pizzabäcker werden gar nicht wissen, dass Santana eine Band ist und schon in Woodstock auftrat.
Ich habe mich mal mit einem Kumpel darüber gestritten, aber ich habe wirklich noch fast nie bei Psychedelic-, Metal-, Punk- oder Hardcorekonzerten Türken oder Araber gesehen. Ausnahmen bestätigen vielleicht die Regel.

Nach einem Metalkonzert im SO 36 sprach mich mal auf der Oranienstraße ein junger Türke an. Ich fragte ihn, ob er auch bei Sepultura gewesen ist. Seinen verblüfften Blick muss man gesehen haben. Er kannte weder Sepultura und hatte auch nicht vor sie jemals kennenzulernen, noch war er schon einmal im SO 36. Sowas nennt man wohl Parallelgesellschaft.
Dagegen hat meine jugoslawische Freundin (eine Muslimin) mir berichtet, dass bei Partys in ihrer bosnischen Community oft Hardcore und Metal gespielt wird. Sie kannte sogar meine Lieblingsband Biohazard.

Während ich auf die Pizza warte, schaltet mein MP3 Player auf David Bowie um. Es handelt sich übrigens um seine 1970ziger LP „The man who sold the world“, wo noch stark psychodelische Einflüsse spürbar sind.

Fotos Nr. 9
Während ich auf der Treppe hinter Lidl sitze und die Pizza verspeise, wird die Musik immer besser. Nicht, dass ich auf meine älteren Tage noch zum Bowiefan mutiere. Ich bin nie richtig an ihn rangekommen, deshalb hat es mich auch gewundert, dass ein Kumpel von mir, ein Punk, zu seinem Konzert gegangen ist. Er war ganz begeistert davon.
„Mother, she blew my brain, I will go back again“ singt Bowie in „She shook me cold“ und ich verstehe langsam Christiane F. aus „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“, die ein großer Bowiefan war. Während ich diesen Text schreibe, höre ich noch bis zum Morgen ältere Sachen von Bowie über Streaming.

Ich hoffe durch meine Fotos wird der herbe Charme unserer Gegend zum Ausdruck gebracht. Jemand, der hier am Ostkreuz arbeitet, aber außerhalb im Grünen wohnt, sagte mir einmal, dass sie sich nicht vorstellen könne, hier zu wohnen. Es wäre ihr hier viel zu unruhig. Übrigens die meisten Leute, die hier wohnen sind sehr jung. Wenn sie älter werden, suchen sie sich oft ruhigere Gegenden.

von Tanja

Wegbeschreibung