VEB Narva Vol. I

Die Berichterstatterin schmuggelt sich am Pförtner vorbei, singt im Keller und läßt sich mit Südseeflair von der Arbeit ablenken

Der erste Teil wurde nach dem zweiten geschrieben.

Warum ist das VEB Narva nun mein Lieblingsort. Schlicht und ergreifend deswegen, weil man sich dort zu DDR Zeiten ohne eine Festanstellung Geld verdienen konnte. Sowas nannte sich pauschal arbeiten. Für eine Schicht gab es 40 Mark der DDR, eine schöne Summe, womit man schon über die Woche kommen konnte.
Im Eingangsgebäude gab es ein Einstellungsbüro, wo man warten musste. Der nette Mitarbeiter im Büro (nett war er besonders deshalb, weil er nicht zu sehr auf den Nachweis einer Krankenversicherung drängte) stellte einem einen Passierschein für das Betriebsgelände aus. Ein Problem gab es bloß, wenn mal gerade keine Helfer benötigt wurden und man trotzdem kein Geld hatte. Dann fälschte man einen alten Passierschein, der vom Datum ungefähr so hinkam und musste sich auf die Solidarität der jeweiligen Brigadiere und Meister verlassen.
In dieser Hinsicht habe ich bei Narva immer gute Erfahrungen gemacht. Nie wurde man als Pauschalkraft von den anderen Arbeitern herablassend behandelt, und obwohl die Brigadiere wohl sahen, dass im Passierschein radiert worden ist, zahlten sie dir trotzdem nach der Schicht dein Geld aus. So etwas nennt man wohl Arbeitersolidarität.
Narva muß man sich als ein Labyrinth aus langen, verschlungenen Gängen vorstellen, von denen viele meist relativ kleine Produktionsräume abgingen. In jedem Raum wurde an etwas anderem gewerkelt. Wenn ich offiziell einen Passierschein für eine Abteilung ergattert hatte, brauchte ich jedesmal mindestens eine Viertelstunde um mich durchzufragen.
Meine Laune sank, wenn ich mal wieder in den Keller des Gebäudes gleich neben dem Eingang geschickt wurde. Dort wurden die normalen Glühlampen, die wir alle in unseren Lampen zu brennen hatten, hergestellt. Wenn irgendwas kaputt war, was jedesmal geschah, mussten wir immer an merkwürdige Steinmulden, die sich drehten und dabei einen ohrenbetäubenden Krach machten. Es war einfach nicht zum Aushalten.
Ein Kumpel von mir, der dort auch mal gearbeitet hat, verließ seinen Arbeitsplatz und verzichtete auf sein Geld, weil er es nicht mehr aushielt. Um die Sache durchzustehen begann ich zu singen, was bei dem Krach sowieso keiner hörte. Eine Arbeiterin, die ja an die Arbeit gewöhnt war, beobachtete, wie ich den Mund bewegte und fragte mich, ob ich Selbstgespräche führe. Das hat sie aber nicht böse gemeint. Wie gesagt die anderen Arbeiter, die dort regulär arbeiteten, waren immer nett und solidarisch. Das kann auch damit zu tun haben, dass bei Narva sehr gut verdient wurde.
Einmal ist es mir passiert, dass ein Ingenieur mich zurückrief, als ich mich früher davonstehlen wollte. Es stellte sich aber heraus, dass er bloß Angst hatte, dass ich mich in den Gängen verlaufe und mir den richtigen Weg zeigen wollte.

Mein bester Arbeitstag bei Narva war als ich mit dem Punkmädel Tina, die dort auch pauschale gearbeitet hat, an einem Arbeitsplatz zusammensaß. Sie stellte sich als laufendes Buch heraus und erzählte mir den Inhalt von „Die Insel“ von Robert Merle, so dass die Zeit wie im Fluge verronn. Leider habe ich sie niemals wiedergesehen und unsere Zusammenarbeit ist auch schon 32 Jahre her. Tina gab mir auch den Tipp mit den Passierscheinen.

Was nach der Wende mit Narva geschah wissen die Berliner. Hoffentlich haben meine vielen sympatischen Kollegen wieder einen guten Job gefunden. Dort haben ja so an die 5000 Leute vor der Wende gearbeitet. Narva war wohl der größte Arbeitgeber in Friedrichshain.

von Tanja

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