VEB Narva Vol. II

Hungrige Leute in Berlin IX Die Berichterstatterin fischt eine Kakerlake aus der Suppe und redet schlecht über Abflußanlagen in der DDR

Das Kantinenessen in so einem Großbetrieb wie Narva war extrem schlecht.
Viele Kantinenköche in der DDR fühlten in sich einen besonderen Haß gegen die Kartoffel. Dabei ist das doch bloß eine kleine, nahrhafte Knolle, die nicht Böses im Schilde führt und niemand was zuleide tut. Durch komplizierte Bearbeitungsschritte schafften sie es, sie so zu verändern, dass sie jedem Gabeldruck standhielt. Im günstigsten Fall flog die Kartoffel dabei wie ein Ping Pong Ball über die Tischplatte, im ungünstigsten brach die Gabel ab. Die Kartoffel, die übrigens von Friedrich dem Großen in Brandenburg eingeführt wurde, bietet so viele Verarbeitungsvarianten an wie Kartoffelpuffer, Pommes, Bratkartoffeln, Kartoffelbrei usw., die aber den Kantinenköchen alle nicht bekannt waren. Direkt vom Acker kommend, wurden die Kartoffeln wieder der Biotonne zugeführt, ohne den Weg durch die Mägen gegangen zu sein, einfach weil sie ungenießbar waren. Ich stamme übrigens aus einem Kartoffelanbaugebiet in Mecklenburg / Vorpommern.Das Standbein der Kantinenküche war das Lungenhaschee. Mit dieser Köstlichkeit, die übrigens niemand mochte, wurden wir gefühlt mindestens zweimal die Woche verwöhnt auch beim VEB Narva. Einmal in der Spätschicht gab es einen ganz annehmbaren Grießbrei, aus dem ich dann aber entsetzt eine Kakerlake fischte. Ich überlegte schon weiterzuessen, weil ich Hunger hatte, gab diesen Plan dann aber doch auf. Übrigens der Aufstand auf dem Panzerkreuzer Potemkin, der zum Signal für die Russische Revolution wurde, ist auch wegen Maden in der Suppe ausgebrochen (Filmtipp Panzerkreuzer Potemkin von Sergej Eisenstein aus dem Jahre 1925).

Ein anderes Problem bei Narva und überhaupt in der DDR waren die Toiletten. Wenn man während der Schicht zur Toilette gehen wollte, mußte man zur Meisterin wegen dem Schlüssel. Der Grund dafür war, dass es zwar genug Toiletten gab, sie aber alle bis auf die abgeschlossene bis obenhin verstopft waren. Das änderte sich bis zur Wende nicht mehr. Mir erschien es deshalb ähnlich schwierig und zeitaufwendig, eine verstopfte Toilette wieder frei zu bekommen, wie eine bemannte Landung auf dem Mars durchzuführen. Ich weiß nicht, was die Installateure zu DDR Zeiten gemacht haben. Man kann ja nun nicht an allem Erich Honecker die Schuld geben. Nach der Wende stellte ich fest, dass der Klassenfeind das Abflußproblem besser im Griff hatte. Als ich 1990 in einem Produktionsbetrieb in Westberlin gearbeitet habe. gab es dort eine Toilette, die nach Zitronen geduftet hat, mit Warm – und Kaltwasserhähnen, genug Seife, Handpapier und Klopapier. Ich konnte gar nicht begreifen, dass so etwas überhaupt geht.

von Tanja

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