Winkler, ehemalige Arbeiterkneipe in der Boxhagener Straße

As times goes by oder Feministische Tendenzen am Ostkreuz

Die Kneipe Winkler, von den meisten nur "Bei Winkler“ genannt, lernte ich durch meinen ehemaligen Freund, einen Punk, der mal im Gummiwerk (heute Neubaugebiet Freudenbergareal) in der Nähe gearbeitet hat, kennen. Es war ein paar Monate vor der Wende im Jahr 1989.
Mit meiner Truppe, mit der ich in der Boxhagener Straße zusammengewohnt habe, machten wir uns schon morgens um 7 Uhr zu Bier und Bockwurst auf. Man muß nämlich wissen das Winkler eine Arbeiterkneipe war, die sich auf die Arbeitszeiten der Gäste einstellte. Um 7 Uhr kamen schon die ersten Arbeiter aus der Nachtschicht im Bremsenwerk, dem Gebäude wo jetzt die Barmer drinne sitzt. Andere Einzugsgebiete waren das Werk für Fernsehelektronik in der Neuen Bahnhofstraße, heute Sitz von Zalando und eben dieses Gummiwerk. Dort haben viele Kumpels von mir gearbeitet, die wegen ihrer Kaderakte woanders nicht eingestellt wurden.
Nachmittags kamen die Arbeiter der Spätschicht auf einen Absacker vorbei. Winkler war eine winzige Kneipe. Der Tresen, drei, vier Tische und am Ausgang zur der Toilette ein Stehtisch, mehr war das nicht. Deshalb war es auch den ganzen Tag knackedickevoll und sehr intim.

Für mich war ein Bier morgens um 7 Uhr natürlich der Gipfel der Dekadenz. Wenn das jemand aus unserem Dorf in Mecklenburg/Vorpommern gesehen hätte, wäre ich ein Jahr Dorfgespräch gewesen. Dann hätte ich gewiß als eine von den übelbeleumundeten Frauen gegolten, über die meine Mutter und ihre Freundinnen immer so herzogen, und niemand hätte mich geheiratet (Scherz, aber mit einem Körnchen Wahrheit).
Aber die alte Heimat war ja Gottseihdank weit weg. Zur Ehrenrettung meiner norddeutschen Landsleute muss ich aber noch anmerken, dass in den Berliner Arbeiterkneipen die paar Frauen, die sich dort aufhielten, auch nie für besonders seriös gehalten wurden.

Bei Winkler waren, wie ja in allen anderen Berliner Arbeiterkneipen auch, kaum Frauen. Natürlich aber gab es Babsi, die lustige Kellnerin, die sich zusammen mit Vater und Sohn Winkler hinter dem Tresen abwechselte. Nochmal vielen Dank an Herrn Winkler Senior für den Tipp, dass man eine Knacker mindestens erst 10 Minuten aufkochen muss, bevor sie richtig schmeckt. Ich habe mich da mit einigen Stammkunden angefreundet und später immer schon ungeduldig gewartet, dass mein Kumpel Rudi (übrigens ein beinharter ACDC Fan) von seiner Schicht als Maschinist im Bremsenwerk kam, um mir ein Bier und eine Bockwurst auszugeben.

Es gab auch immer einen Tisch mit Intellektuellen. Die kamen meist aus der Neuen Bahnhofstraße 23, wo damals auf dem zweiten Hinterhof eine Art Kommune existierte. Junge Leute mit künstlerischen Ambitionen hatten dort schon zu Ostzeiten Wohnungen besetzt. Einge davon haben auch zeitweilig im Gummiwerk gearbeitet, wo man mit harter Arbeit gutes Geld verdienen konnte.

Die Stasi hat natürlich auch mitgehört, was mir Jahre später mal jemand ungefragt beichtete. Diese Person hat aber ihr Tun nicht verharmlost, wie die meisten IM es nach der Wende getan haben, sondern sagte wörtlich "Ich habe vielen Leuten sehr geschadet.". Diese Ehrlichkeit gegenüber sich selbst muss man demjenigen anrechnen. Es handelt sich wohl um ein Opfer, das zum Täter geworden ist.

Nach der Wende versuchten es die beiden Winklers mit einer 24 Stundenkneipe. Doch sie konnten sich nicht lange halten, die Betriebe, aus denen die Gäste früher kamen, hatten ja alle dicht gemacht. Bald mussten sich die ehemaligen Stammkunden von außen traurig die eingeschlagen Fensterscheiben ankucken.

Wenn ihr einen Eindruck von der Nachwendezeit am Ostkreuz haben wollt, kuckt Euch mal den Film „Engelchen“ aus dem Jahre 1996 von Heike Misselwitz mit der viel zu früh verstorbenen Susanne Lothar in der Hauptrolle an. Er spielt in unserer Gegend und die Kneipe Winkler ist auch noch zu sehen.

Jetzt eröffnet in den ehemaligen Räumlichkeiten von „Bei Winkler“ ein Touristencafe nach dem anderen und es ist immer knüppeldicke voll. Die alten schweren Holztische und der Orginaltresen sind noch vorhanden, aber das Publikum ist ein ganz anderes. Zur Zeit steht die Kneipe, die sich heute Cafe nennt, mal wieder leer, aber bestimmt findet sich bald ein neuer Betreiber. Das Cafe müsste ja eigentlich eine Goldgrube sein bei den vielen Touristen hier am Ostkreuz.

PS Jetzt befindet sich übrigens ein Friseur in den ehemaligen Räumlichkeiten. Stand 19.07.2018

von Tanja

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