Helsingforser Platz 1 (Medienpoint wiedergefundene Bücher und Filme)

(Fußballniederlagespecial) Жкола - Коммуна - ймменй - Достоевсково - SchKiD, die Republik der Strolche

Medienpoint am Helsingforser Platz 1 (wiedergefundene Bücher)

Жкола - Коммуна - ймменй - Достоевсково

Das ist ein Fußballniederlagespecial. Soeben (27.06.2018, 18 Uhr) hat unsere Mannschaft in Kasan 2 : 0 gegen Südkorea verloren und ist schon in der Vorrunde rausgeflogen und alle lassen die Köpfe hängen.

Katarina hat im Medienpoint das sowjetische Kinderbuch „SchKiD“ von Pantelejew und Belych wiedergefunden und liest es jetzt mit großem Vergnügen nach fast 50 Jahren noch einmal. Ich weiß nicht, ob ich mir das noch mal antun soll. Es wäre ja wie eine Reise in die eigene Kindheit.
Das Buch ist sage und schreibe schon 81 Jahre alt und wurde von zwei ehemaligen SchKiD Bewohnern geschrieben. Als Katarina und ich noch fleißige, nette Schülerinnen waren, natürlich stramm sozialistisch eingestellt, so vielleicht mit 10, 11 Jahren, haben wir beide dieses Buch geliebt. Katarina war die Freude ihrer Bibliothekarin in ihrer kleinen Stadt, und ich war die Freude von der aus meinem Dorf in MeckPom. Vielleicht hat Katarina da sogar den Entschluß gefaßt Lehrerin zu werden, um die Welt zu retten.
In „SchKiD“ geht es um auf der Straße aufgegriffene Kinder und Jugendliche in der Zeit unmittelbar nach der Oktoberrevolution. Von gerechten, gütigen Lehrern werden sie in der SchKiD wieder auf den richtigen Weg gebracht und sehen einer erfolgreichen Zukunft entgegen. Wer ´s glaubt wird selig.
Vielleicht tue ich ja den beiden Schriftstellern Unrecht, und es hat in den Zwanzigern in der noch jungen Sowjetunion wirklich Bemühungen gegeben, das Erziehungssystem zu revolutionieren. Die Schule befindet sich übrigens in Sankt Petersburg.

Damals als Kind hat man solche positiven Darstellungen noch für bare Münze genommen und an die Gerechtigkeit der sozialistischen Ordnung blind geglaubt. Später haben mir Freunde, die im Kinderheim und im Jugendwerkhof waren, ganz andere Dinge erzählt. Da ging meine Weltbild ganz schön in Scherben. Warum gibt es die gerechten, gütigen Lehrer nur in Büchern? Ich selber habe auch nie welche wie in der SchKiD getroffen.
Vor einigen Jahren sah ich im Fernsehen mal eine Dokumentation über russische Erziehungsanstalten. Die kahl geschorenen Köpfe und die erloschenen Kindergesichter der Insassen gingen mir lange nicht aus dem Kopf heraus. Die meisten werden nach der Entlassung Berufsverbrecher, was mich nach dem Bericht auch nicht wunderte.

Überhaupt haben wir in der DDR sehr viele sowjetische Kinderbücher gelesen, weil offiziell die Sowjetunion unser Bruderstaat war. Wir trieben auf einem Floß auf der Wolga, kämpften bis zur letzten Pistolenkugel gegen Weißgardisten im Budjonnyheer und verlebten mit Olja und Kolja einen heißen Sommer in Odessa, der Weißen Stadt am Meer.
Dadurch entstand der Wunsch bei mir, unbedingt einmal das Pionierlager Artek am Schwarzen Meer zu besuchen. Diese Ehre war aber nur besonders ausgewählten Kindern vorbehalten, die jede Russischolympiade, jede Matheolympiade gewannen, immer Gruppenratsvorsitzende wurden und vor dem Fahnenappell Reden hielten. Also hatte ich da keine Chance.

Ein anderes heißgeliebtes Buch von mir war „An den Ufern des Sewan“. Ich wollte unbedingt immer einmal diesen sagenumwobenen Sewansee kennenlernen. Nach meinen Recherchen gibt es ihn wirklich. Er liegt in der Provinz Gekharkunik im Osten Armeniens. Vielleicht fahre ich ja sogar mal hin. Einfach bei google maps nachgesehen, wo der See überhaupt ist, sich eine Fahrkarte gekauft, Passformalitäten erledigt, falls notwendig und Sewansee ich komme. Das Buch ist noch über Internet antiquarisch erhältlich. Bestimmt trudelt es aber bald in Rudis Bücherstube (Medienpoint) ein.

Vielleicht besucht unsere Fußballnationalmannschaft, die gestern (27.06.018) in Kasan in der Vorrunde rausgeflogen ist, ja mal diesen See. Zeit haben sie ja jetzt genug dafür.

Mein absoluter Lieblingsschriftsteller (Katarina kennt ihn auch) war aber Rybakow. Seine Kinderbücher „Der Marinedolch“ und „Der Bronzeadler“ habe ich viele Male gelesen. Es sind zwar spannende Bücher, aber es ist natürlich aus meiner heutigen Sicht Gehirnwäsche pur.

PS Übrigens Belych, dem Mitautor von SchkiD, der selbst Zögling der Schule war, ist es sehr schlecht ergangen. Er fiel in Ungnade bei Stalin und starb jung im Gulag.

von Tanja

Wegbeschreibung
Wenn man aus dem S- bzw. U- Bahnhof Warschauer Straße kommt, wendet man sich nach rechts und überquert die Straße an der nächsten Ampel. Der Helsingforser Platz befindet sich rechts der Bahngleise, neben dem grünen Streifen.