Stele vor dem ehemaligen D- Heim in Alt Stralau

Papillon auf Alt Stralau oder Der Blick aufs Wasser hat ihnen auch nichts genützt

Papillon ist die Titelfigur des wohl berühmtesten Gefängnisausbruchsfilms der Filmgeschichte aus dem Jahre 1973. Die von den Hauptdarstellern Steve Mc Quinn und Dustin Hofmann verkörperten Gefangenen unternehmen einen gescheiterten Fluchtversuch nach dem anderen und werden nach jedem neuen Ausbruchversuch nur noch härter bestraft. Letztendlich gelingt es aber nur Papillon als Einzigem aus Französisch Guayana zu fliehen.


2016 erreichte ein Bürgerforum nach langem Kampf endlich, dass vor dem D Heim in Alt Stralau, eine Stele zum Gedenken an die Geschehnisse der Vergangenheit aufgestellt wurde. Dieser Platz erinnert mich an das, was mir viele Kumpels und Freundinnen über ihre Erlebnisse in solchen Einrichtungen der schwarzen Pädagogik der DDR erzählt haben. So zirka ein Drittel meiner Bekannten, gefühlt die Hälfte hatten damit ihre Erfahrungen gemacht.

Für den, der es noch nicht weiß, in diesen Durchgangsheimen saßen auf der Straße aufgegriffene Kinder und Jugendliche ein, bevor sie in andere Einrichtungen wie zum Beispiel Jugendwerkhöfe weitertransportiert wurden. Oft waren sie Mißbrauchsopfer und versuchten nur ihren Peinigern zu entfliehen und kamen dadurch vom Regen in die Traufe.

Eine Kollegin erzählte mir einmal, dass sie und ihre Geschwister alle vom Vater mißbraucht wurden. Daraus resultierende Verhaltensauffälligkeiten wurden mit einer Einweisung in den Werkhof bestraft. Sie hat ihr Leben nie wieder richtig in den Griff bekommen und ihre Tochter lebt auch nicht bei ihr.
Eine frühere Bekannte von mir wurde als Kind vom Nachbarn vergewaltigt. Statt Therapie erfolgte eine Einweisung in den Jugendwerkhof, wo sie ihr noch den Rest gaben.

Man muss sich ja mal sie Frage stellen, was ging eigentlich in den Lehrern und Erziehern vor, die das zu verantworten hatten. Was muss ein Mensch erlebt haben, um so gewissenlos zu sein. Waren das ausgesprochene Sadisten, die ihre Freunde an den Quälereien hatten, oder war das Anpassung und Gleichgültigkeit.

Diese Kinder und Jugendlichen hatten keinerlei Rechte, niemand half ihnen. Wegen nichts und wieder nichts konnten sie auf lange Zeit weggesperrt werden, Schule schwänzen allein reichte schon. Sie hatten kein Recht auf juristische Hilfsmittel, kein Recht sich einen Anwalt zu nehmen. Sie waren hilflos dem Erziehungssystem ausgeliefert, nach jedem Versuch sich zu wehren wurden die Ketten nur noch fester gezurrt. Wenn die Wende nicht gekommen wäre, gäbe es diese Einrichtungen immer noch.

Mein ehemaliger Freund und sein Bruder beispielsweise wurden von ihrem Stiefvater,einem großen, agressiven, breitschultrigen Mann, ständig verprügelt. Die Mutter hielt zu ihrem Mann. Als sie es gar nicht mehr aushielten, liefen sie von zu Hause weg, schliefen auf den Feldern und aßen rohe Rüben, bis sie aufgegriffen wurden und in solch ein D- Heim kamen. Später kamen noch verschiedene Jugendwerkhöfe und Knäste dazu.

Eigentlich wollte ich diesen Text ja „Französisch Guayana“ in Alt-Stralau nennen. Doch Papillon erschien mir passender, denn die Insassen dieser Einrichtungen waren ja ebenfalls ständig auf der Flucht. Genauso wie bei Papillon, der immer wieder ausbricht und sich zum Schluß nur an einen Sack mit Kokosnüssen geklammert, unbekümmert die steile Felswand herunter in den Atlantischen Ozean stürzt, war ihr Freiheitsdrang größer als die Angst.
Sie überwanden die mit Glas gespickten Mauern, krochen durch enge Gitter und flohen in die Freiheit der Landstraße.
Zu nächtlicher Stunde fanden sich dann minderjährige Mädchen und Jungen an dunklen Straßen wieder und hofften, dass die Autofahrer sie in Richtung Heimat mitnahmen. Die Berliner waren natürlich meist weit außerhalb ihrer Heimatstadt untergebracht. Das nächtliche Trampen war ganz und gar nicht ungefährlich, denn die Autofahrer hatten manchmal anderes mit ihnen vor.

Außerdem wurden sie sowieso bald wieder eingefangen. Dann ging das Elend erst richtig los. Die Eingefangenen schmorten in Isolationszellen, wenn es richtig schlimm kam, wurden sie in den geschlossenen Werkhof nach Torgau überführt. Das war der Vorhof der Hölle. Mein ehemaliger Freund, der dort war, ließ sich jedenfalls überhaupt nicht dazu bewegen, etwas darüber zu erzählen und das will schon etwas heißen. Er verdrängt die Erlebnisse und ist heute Alkoholiker, seinen Bruder hat es noch schwerer erwischt. Er nahm sich das Leben.

Eine Freundin, die im Jugendwerkhof Burg eingesessen hat, erzählte mir, dass nach Fluchtversuchen immer die ganze Gruppe bestraft wurde. Aus Rache versalzten die anderen ihr das Essen, so dass sie in ihrer Zelle, wo sie den ganzen Tag nur auf dem Heizungsrohr sitzen durfte, auch noch unerträglichen Durst litt. Sie hat mir auch erzählt, dass die Mädchen im Jugendwerkhof immer Nut - Fleckentferner aus der Tüte geschnüffelt haben, um die Sache da durchzustehen.

Unter den Jugendlichen gab es wenig Solidarität, jeder dachte nur an sein eigenes Überleben. Viele Ehemalige berichten auch, dass der wahre Horror erst mit dem Abschließen der Schlafsäle anfing, denn dann begannen die Übergriffe durch die anderen, die oft auch sexueller Natur waren.

Die Insassen mussten aber auch einen harten Arbeitsalltag durchstehen. Einmal im VEB Narva saß ich mit einer Studentin, die dort auch tageweise gearbeitet hat, zuzweit am Band. Wir schafften die Arbeit kaum und waren nach der Schicht völlig fertig. Da erzählte mir eine andere Arbeiterin, dass an diesem Platz normalerweise nur ein Mädchen aus dem Jugendwerkhof alleine sitzt. Das sagt wohl alles über die Erziehung durch Arbeit. Das Mädchen war übrigens auch da und wirkte auffallend freundlich und sympathisch. Ich konnte mir nicht erklären, was ausgerechnet sie im Jugendwerkhof verloren hat.

Das D-Heim in Alt Stralau war aber auch nicht ohne. Es gab dort zum Beispiel einen kleinen Zwischenraum direkt unter dem Dach, indem die Kinder, die bestraft werden sollten, im Sommer bei großer Hitze und im Winter bei Minusgraden tagelang ausharren mussten. Dort war es wohl so eng, dass man sich kaum um die eigene Achse drehen konnte. Es hat fast den Anschein als wären die verantwortlichen Erzieher beim Einmarsch der Russen ins KZ Sachsenhausen arbeitslos geworden und hätten hier im D Heim in Alt Stralau gleich beruflich Anschluss gefunden.

Aber auch in der alten BRD gab es solche Heime. Seht euch mal den Film "Freistatt" vom Regisseur Marc Brummund an, den ich übrigens im Kino Lichtblick in der Rigaer Straße gesehen habe. Er spielt im Torfmoor in Niedersachsen und beruht auf den Aufzeichnungen eines Ehemaligen.
Ich wollte noch anmerken, dass viele, die selbst dabei waren, von solchen Filmen total enttäuscht sind, da die Realität viel schrecklicher war. Der Regisseur erwiderte darauf, dass er Angst hatte, dass ihm die Wahrheit niemand abnimmt. Diese Form der Jugenderziehung hatte Anfang der 70 ziger mit dem Aufkommen der Studentenbewegung ein Ende. Es gab eine Reform der Heimerziehung in der BRD.

In der DDR aber wurden diese Einrichtungen erst mit dem Fall der Mauer geschlossen. Viele Opfer der schwarzen Pädagogik schlugen eine steile Knastkarriere ein, viele sind heute psychisch krank und oder suchtmittelabhängig. Viele Mädchen schämten sich ihrer Vergangenheit und hatten Angst vor Stigmatisierung.
Sie wünschten sich ein normales Leben zu führen, wollten Familien gründen und wollten nicht, dass die Vergangenheit auf ihnen lastet wie ein Kainsmal. Deshalb erzählten sie weder ihren Männern noch ihren Kindern davon. Erst im Zuge der Aufarbeitung dieser Verbrechen konfrontierten sich viele wieder mit ihrer Vergangenheit.
Seien wir froh und glücklich, dass dieses schwarze Kapitel der DDR Pädagogik heute hinter uns liegt.
PS Übrigens Sanije Torkas, die wahre Gestalt hinter Solo Sunny (bekanntester DDR Film aus dem Jahre 1980), war auch eine Jugendwerkhofsinssasin.

von Tanja

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