Mauergalerie

Unser Mäuerchen muss bleiben oder Gründonnerstag auf dem Alex frieren (Osterspecial)

Das ist ein Osterspecial.
Heute, kurz vor Beginn der Karwoche 2018, fallen schon wieder Schneeflocken. Diese Wetterverhältnisse rufen in mir die Erinnerung wach an die Geschehnisse die sich vor fünf Jahren kurz vor Ostern 2013, also zur selben Zeit wie jetzt, rund um die Mauergalerie zutrugen.

Auf der Warschauer Straße fragen mich ständig Touristen in gebrochenem Englisch wo die Mauergalerie ist. Dafür benutzen sie exotische Bezeichnungen, so dass man erst mal eine Weile grübeln muss, was sie eigentlich von einem wollen. Als Friedrichshainer erstaunt einen dieses Interesse von Leuten aus aller Welt. Diese Galerie hat mich früher ehrlich gesagt total nicht interessiert. Ich fahre ab und zu mal mit dem Fahrrad die gegenüberliegende Straßenseite entlang und lasse die Bilder wie ein Band an mir vorüberziehen. Dabei stellte ich auch eines Tages fest, dass böse Buben einen breiten schwarzen Balken über einen Großteil der Bilder gezogen haben. Was ihnen das gebracht hat, ist mir völlig unklar.

Mein Desinteresse an der Mauergalerie änderte sich schlagartig, als bekannt wurde, dass einige Segmente Bauarbeiten weichen sollten. Ich bekam Muffensausen, dass sie uns Friedrichshainern, die wir in unserem Stadtbezirk nicht mit Baudenkmälern verwöhnt sind, unsere größte Touristenattraktion rauben würden. Insgesamt stand ich mir kurz vor Ostern 2013 auf drei Demos die Beine in den Bauch und fror mich halb zu Tode. Auf der größten Demo, wo wohl zirka 6000 Teilnehmer waren, stellte ich erschrocken fest, dass das Schicksal der Mauergalerie wohl fast niemanden so richtig interessierte. Die Leute rings um mich her machten Party, in den Gesprächen, die um mich herum stattfanden, war die Mauer kein Thema.

Bei der Demo am Gründonnerstag, übrigens der Tag des letzten Abendmahls, war auf dem Alex nur noch ein versprengtes Trüppchen von ungefähr 300 Leuten anwesend. Es war saukalt. Der Maler, dessen Wandgemälde entfernt worden waren, redete sehr emotional. Man spürte, wie nahe ihm alles ging. Keiner verstand, wie ein Kunstwerk, das unter Denkmalschutz steht und kurz vorher noch aufwendig saniert wurde, jetzt so einfach zerstückelt werden kann. Die Sache war wohl verloren. Deprimiert radelte ich nach Hause zurück. So kam es wie es kommen musste. Die Segmente wurden über Nacht heimlich rausgebrochen und die Immobilienhaie gieren danach, sich nach und nach auch noch den Rest einzuverleiben.

PS Das scheint ihnen auch zu gelingen, denn soeben (am 21.03.2018) habe ich in der BZ gelesen, dass schon wieder fünf Mauersegmente entfernt worden sind. Jetzt klafft dort ein 10 Meter langes Loch in der Mauer. Dort soll der Hotelriegel "Pier 61/63" entstehen.

von Tanja

Wegbeschreibung
Wenn man aus dem S-Bahnhof Warschauer St. kommt geht man nach links und immer gerade aus. Das Ziel ist auf der rechten Seite.