Freiluftkino auf dem RAW Gelände

Kunstgenuß mit Gruselfaktor

Heute an einem dunklen kühlen Sonntag Ende Oktober ist mir irgendwie schon danach, beim Streaming Dienst meiner Wahl Weihnachtslieder zu hören, und ich denke wehmütig an den Sommer zurück. Besonders fehlt mir da das Freiluftkino beim Cassiopeia auf dem RAW Gelände. Da es mit dem Fahrrad von mir nur 10 Minuten sind, bin ich dort eine ganze Weile so häufig gewesen, dass ich vom Betreiber sogar schon als seine Stammkundin bezeichnet wurde.
Eigentlich war ich das erste Mal nur da, um endlich mal Sex and the city der Kinofilm zu sehen, da ich die gleichnamige Serie liebe. Jetzt weiß ich, dass mich deswegen einige, besonders Männer für völlig geschmacksverirrt halten werden, aber ich stehe dazu.

Das RAW Gelände liegt an der Revaler Straße hinter einer Mauer, in die einige Lücken gebrochen worden sind, die als Zugänge dienen. Dahinter befindet sich ein riesiger dunkler kahler Platz und dann kommen in einiger Entfernung erst die ehemaligen Werkstätten des Reichsbahnausbesserungswerks, die heute teilweise als Konzertlocations und Kneipen genutzt werden.
Ich hatte wohl eine ruhige Sonntagssommernacht erwischt, denn ich traf erstmal außer ein paar Drogenhändlern keinen Menschen. Zum Glück war ich vor einiger Zeit mal zu einem Konzert im Cassiopeia gewesen und konnte mich noch ungefähr entsinnen, dass man sich links zu halten hat. Zwischen zwei Häusern mußte ich eine enge dunkle Gasse durchqueren, an deren Ende ich dann aber Licht sah und von wo aus ich Musik hörte. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Tatsächlich war es das Cassiopeia mit seinem großen Biergarten und dem angeschlossenem Freilichtkino. Im Biergarten, der wirklich extrem romantisch ist, hatten gerade einige Schulklassen auf Klassenfahrt die Nacht ihres Lebens. Bei mir kamen bei ihrem Anblick Erinnerungen an meine Jugendweihefahrt nach Berlin vor 40 Jahren auf. Ich weiß nicht, ob bei diesen Kids aus der Provinz auf dieser Fahrt auch der Wunsch aufgekommen ist, sich später einmal in Berlin anzusiedeln. Bei mir jedenfalls war es so.

Wenn man zum Freilichtkino will, muss man den Biergarten bis zum Ende durchqueren. Hinten stehen bescheiden ein paar Stühle als Absperrung und der Betreiber verkauft persönlich die Karten. Das Kino ist meist so halb- bis dreiviertelvoll, es ist alles ziemlich entspannt. Die Größe der Leinwand und die Filmqualität ist ok. Man muss auch nicht anstehen. Merkwürdigerweise stören die Geräusche, die vom Biergarten kommen, gar nicht. Man kann das Fahrrad gerne mit reinnehmen und neben seinen Stuhl stellen. Eigene Getränke sind auch erlaubt. Links vor dem Eingang noch im Biergarten befindet sich eine Bude, in der Interessantes gebrutzelt wird und rechts gibt es eine Cocktailbar. Man kann während der Vorführung fleißig rein und raus laufen. Also mit einer dicken Bratwurst in der einen Hand und einem Mai Tai in der anderen kann der Freilichtkunstgenuss beginnen. Bei Nieselregen wird der Regenschirm aufgeklappt und es kann weitergehen.

Es laufen meist leichte Komödien nicht ganz Mainstream und nicht ganz Art House. Ich denke, der Betreiber hat die Filme passend zu den lauen Sommernächten ausgesucht. So sah ich wie Carrie aus Sex und the City von Mister Big im Brautkleid vor der Kirche sitzen gelassen wurde, weil er kalte Füße bekam. Am meisten ist mir der letzte Kinotag in Erinnerung, als ich in viele Filzdecken gegen die nächtliche Kälte eingewickelt, die einzige war, die beim Stummfilm Metropolis von Fritz Lang noch bis zum Ende durchhielt und mich freute, dass ich im trockenen saß während den Protagonisten im Film das Wasser bis zum Hals stand. Cineasten werden mir zustimmen, dass das die beste Szene im ganzen Film ist.

Aber das Problem war ja mehr der Rückweg. Ich war heilfroh, dass ich mein Fahrrad dabei hatte und dass ich nach Mitternacht nicht zu Fuß das dunkle Gelände überqueren musste. Einige Leute, denen ich da begegnete, riefen ein mulmiges Gefühl in mir hervor. Es waren aber nicht die Geister der ehemaligen Arbeiter des Reichsbahnausbesserungswerkes Franz Stenzer, die in ihren alten Werkstätten spukten, sondern sehr leibhaftige Personen, die mir Drogen anboten.

von Tanja
Ich wurde 1962 in einem kleinen Dorf in Meck Pom geboren und kam mit 19 nach Berlin. Hier übte ich verschiedene Tätigkeiten aus. Zuletzt war ich Sekretärin.

Wegbeschreibung
Das Kino befindet sich Revaler Str. 99. Wenn man den Bahnhof Ostkreuz Richtung Sonntagsstraße verläßt, hat man sich links zu halten. Man geht ein ziemliches Stück die Revaler Straße runter. Das Objekt befindet sich auf der linken Seite. Man geht durch den Mauerdurchbruch direkt auf das Cassiopeia zu, dann rechts daran vorbei durch den Biergarten durch. Dann sieht man schon das Freiluftkino.